Wäre ich mein ganzes Leben Personalberater gewesen, würde ich mich zu diesem Thema nicht äussern. Jetzt, wo ich die Themen von der Seitenlinie beobachten kann, sehe ich mehr Aspekte. Ich kann mich besser aufs Beobachten und Reflektieren konzentrieren.
Glauben Sie ja nicht, in einem Besetzungsprozess gibt es keine Selbstzweifel.
Der Investor ruft an und hadert mit dem Kandidaten, der schon alle Interviews erfolgreich durchlaufen hat: kann der Kandidat wirklich Restru? Kann er ein Team führen? Wie hart ist er im Umsetzen? Wie weich im Umfang mit sensiblen Themen? Auch ich ringe mit einer klaren Meinung. Der Investor merkt es und wir beide sprechen über eigene Schlappen, die wir erlebt haben, bevor wir wieder zum Thema zurückkommen.
Wir wissen das alle: Selbstzweifel gehören dazu. Jeder hat sie. Sie sind eng mit Selbstreflektion verknüpft und gelten als edle Fähigkeit moderner Führungskräfte. In Coaching-Seminaren und Büchern zur Führung werden sie als vornehmste Eigenschaft besungen. Sprechen sie davon, will jeder sie haben.
Verwunderlich nur, dass keiner über sie spricht.
Der Kandidat sagt: ‚dann habe ich durch die eingeleiteten Maßnhmen den EBIT um 12% gesteigert‘, oder: ‚die Kosten um 8% gedrückt und das Working Capital um 35% gesenkt.‘
Ganz ehrlich: es ist gar nicht so falsch, Erfolge für sich zu reklamieren. Aber wir wissen alle: sie geschehen nur im Team. 🎥 Clevere Erzähler, selbst CEOs, sagen: ‚Konnte ich dazu beitragen, dass der EBIT um x% erhöht wurde‘ .
Was ich jedoch immer wissen will:
😒 ‚Was ist Ihnen schwer gefallen?‘;
🤔 ‚Was hat Sie nicht schlafen lassen?‘
😐 ‚Was haben Sie verbockt?‘
Es handelt sich hier nicht um das magische 1×1 des Personalberaters, es geht einfach darum, die Diskussion vernünftig auszubalancieren. Ich erzähle auch freimütig, was ich vermasselt habe. Im Sommer haben wir uns in den Bergen auf dämliche und unnötige Weise in eine brenzlige Situation gebracht, das hätte nicht sein müssen. Ich habe mich masslos über mich selbst geärgert.
Ich verfüge über reichlich operative Erfahrung, daher verfüge ich auch über reichlich Mist, der mir passiert ist. Ich habe in Personalfragen als Entscheider oder Mit-Entscheider kein Recht, leichtfertig über andere zu urteilen.
In dem Roman ‚Sie und Er‘ des Italieners Andrea de Carlo steht folgende Passage, die ich gelesen habe, als ich diesen Post schon im Kopf hatte:
„Jedesmal zweifelt sie erneut an den Gründen, aus denen sie ist, wo sie ist, und tut, was sie tut. Ihr Vater nannte San Minimo den ‚Garten der Zweifel‘, entsprechend seiner Theorie, wonach aus Zweifeln die interessantesten Ideen erwachsen.“
(Andrea de Carlo. Sie und Er, Diogenes 2012, S. 228)