Es gibt so etwas wie einen Stil-Guide für Führung in schwierigen Situationen.
Ich meine damit nicht, ob Sie mit Hemd oder Sakko ins Büro kommen.
Wenn wir aus unseren Gesprächen analysieren, welche Kandidaten Krisenerfahrung haben und in Interviews gut abschneiden, lassen sich vier Punkte klar herauskristallisieren:
👉 Erstens: Fokus.
Gute Krisenmanager haben Fokus. Sie springen nicht zwischen zwei oder drei Prioritäten hin und her. Sobald Fokus verloren geht, entsteht Stress. Das Verhalten der Führungskraft wird von allen anderen beobachtet und oft nachgeahmt. Liegen zwei Mobiltelefone auf dem Tisch, die ständig klingeln und beantwortet werden, sendet die Führungskraft eine stärkere Botschaft aus als das, was sie sagt. Ein Großteil Ihrer Kommunikation ist non-verbal!
👉 Zweitens: Gefühle zeigen – aber dosiert.
Wir haben alle schon selbst Chefs erlebt, die ausgeflippt sind. Früher war das sicherlich noch verbreiteter als heute. Aber auch völlig kontrollierte, „kalte“ Führungskräfte sind in emotionalen Situationen ebenso destruktiv. Klug ist, Emotionen angemessen auszudrücken und dosiert einzusetzen. Emotionale Disziplin wird von Mitarbeitenden genauso registriert wie Disziplin in Bezug auf Zeit und Fokus (siehe oben).
Ein großer Verführer ist aktuell die Möglichkeit, KI in allen Bereichen des Unternehmens einzusetzen. Davon würden wir dringend abraten. Besser ist es, wenige Use Cases selbst(!) zu entwickeln, die nachweisbar Nutzen erzeugen.
👉 Drittens: Durchhaltevermögen.
Äußert ein Mitarbeiter, dass eine vorgeschlagene Initiative unmöglich sei, beobachten alle im Raum die Reaktion des Chefs/der Chefin: Bügelt er/sie das Argument nieder? Zuckt er/sie nur mit den Schultern? Das haben wir alle schon erlebt. Wichtig ist das Fingerspitzengefühl: Wie hartnäckig bleibe ich an diesem Punkt? Und ab wann wähle ich einen neuen Ansatz in einem anderen Kontext, um das Problem zu lösen?
👉 Viertens: Gute Energie verbreiten – aber kein Schönreden.
Das Team möchte positiv bestärkt und mitgenommen werden, wenn es schwierig wird. Gleichzeitig sind alle aber auch sehr sensibel für Schönfärberei. Das Schlimmste, was einer Führungskraft passieren kann, ist ein dauerhaftes Delta zwischen der erlebten Arbeits- oder Produkt-/Dienstleistungs-Realität und den ausgegebenen Parolen. Gute Führung bedeutet: Themen offen ansprechen, aber keinen Pessimismus verbreiten.
Der Markt ist schlecht, die Zölle steigen, die Energiekosten sind hoch, KI vernichtet Arbeitsplätze. Man kann all das ansprechen – aber auf keinen Fall sollte der Eindruck entstehen, man/frau sei Opfer der Situation.
Fonds und Investoren, mit denen wir zusammenarbeiten, achten extrem darauf, ob z.B. CEOs, CFOs oder COOs positive Energie ausstrahlen, die Mannschaft erreichen, ohne zu beschönigen.
Gerade in Situationen wie der aktuellen ist das eine feine Linie – aber genau das unterscheidet Top-Kandidaten.