Wir interviewen ständig. Das ist unser Tagesgeschäft. Die Frage: „Was sind Ihre Schwächen?“ stelle ich dabei nicht. Warum?
Nicht weil Schwächen unwichtig wären. Sondern weil die Frage selten zu ehrlichen Antworten führt.
Was ich auch bei Interviews bei Kunden nicht mag: Sie ist keine echte Frage – sie ist eine Machtdemonstration. Der Interviewer bewertet, der Kandidat möchte ausgewählt werden. Wer in dieser Konstellation nach Schwächen fragt, fordert einseitige Selbstentblößung. Und weil jeder vernünftige Mensch das vermeidet, beginnt das Ritual der taktischen Antworten.
„Ich bin manchmal zu ungeduldig.“ „Ich stelle zu hohe Ansprüche an mich selbst.“
So ein Quatsch. Schwächen im Stärken-Kostüm. Beide Seiten wissen, dass ein Spiel gespielt wird. Erkenntnisgewinn: nahezu null.
Dabei haben wir alle Schwächen. Ich auch. Ich verschussle gerne mal Termine. Ich erkenne Zusammenhänge schnell, muss mich für Detailarbeit aber bewusst disziplinieren. Kein Drama. Einfach mein Profil.
Wer Stärken hat, entwickelt oft im gleichen Zug bestimmte Schwächen. Wer visionär denkt, verliert die Geduld für Details. Wer gewissenhaft arbeitet, sichert Entscheidungen manchmal zu lange ab. Das ist keine Tragödie – es ist menschlich.
In guten Interviews muss man Schwächen meist gar nicht direkt erfragen. Man erkennt sie im Kontext.
Ein Lebenslauf erzählt Geschichten.
Sechs Arbeitgeber in zehn Jahren stellt die Frage nach Beständigkeit von selbst.
Wiederholte Berichte über übergangene Beförderungen zeigen, wie jemand mit Enttäuschungen umgeht.
Und wer viele Ideen entwickelt, sie aber selten zu Ende bringt, zeigt das in seinen Erzählungen – nicht in einer direkten Antwort.
Deshalb versuche ich zu verstehen, wie Menschen funktionieren. Wo ihre Energie herkommt. Welche Muster sich durch ihre Laufbahn ziehen. Wo sie außergewöhnlich stark sind – und wo sie Unterstützung brauchen.
Denn es geht nicht darum, perfekte Menschen zu finden. Die existieren nicht. Auch wenn immer wieder dieses Kasperltheater gespielt wird: ‚Ich bin sooo cool – und Du?‘
Die entscheidende Frage lautet: Sind die Schwächen beherrschbar? Werden sie erkannt? Gibt es Menschen im Team, die ausgleichen, was dem Einzelnen fehlt?
Die besten Teams bestehen nicht aus perfekten Individuen – sondern aus Menschen, deren Stärken und Schwächen sich ergänzen.
Es gilt der Grundsatz: ‚Nobody is perfect – but teams can be.‘ Das zu erkennen ist u.a. Aufgabe des Personalberaters.
Was mich interessieren würde: Sind Sie schon mal danach gefragt worden? Wie haben Sie reagiert?