Es gibt da dieses Thema mit dem Kneipensterben in Deutschland.
Haben Sie das gelesen?
Was passiert: Wir verlieren die Orte und die Gelegenheiten – für Gespräche ohne Zweck. Gespräche, die nirgendwo hinführen müssen.
Das hat mich hellhörig gemacht, denn das Problem gibt es auch im Management.
Die Digitalisierung befördert das. In Videokonferenzen: die Leute sind aus dem Meetingraum, bevor ich ‚Auf Wiedersehen‘ sagen kann. Das ist mir jetzt schon mehrfach passiert. Ich bin kein Haar besser, ich habe es auch schon gemacht.
In unserem Geschäft ist es teilweise ganz extrem: bringst du nicht den erwarteten Nutzen, und zwar schnell, bist du als Dienstleister raus. Also fasse dich kurz.
Ein anderes Erlebnis. Wir hatten eine laufende CEO-Suche. Ich war mit einem CEO, einem möglichen Kandidaten, in einem Interview, das länger ging, als geplant. Es entwickelte sich zum Gespräch ohne Agenda. Wir sprachen lange. Über alles Mögliche. Über unsere Kinder. Über ein Thema mit dem Hausbau. Dann über seine Zweifel an der aktuellen Strategie seines Unternehmens. Über Dinge, die er seinem Aufsichtsrat nie sagen würde.
Sechs Monate später rief er an. Er suchte einen CFO. Das Mandat bekamen wir nicht wegen einer brillanten Präsentation, sondern wegen eines Gesprächs, das zu nichts führen musste.
Nehmen Sie sich die Zeit für einen ‚Quickie-Sidestep‘ aus dem Hamsterrad: Wenn ein Gespräch ein Ziel hat – eine Entscheidung, ein Verkauf, ein Commitment –, passen wir unsere Aussagen an.
Wir sagen nicht, was wir denken. Wir sagen, was zum Ziel passt.
Wir tun übrigens alle so, als ob wir es fürchterlich eilig hätten, um anschließend die Zeit wieder am Handy zu verplempern.
Widersprüchlich: Gerade wenn der Druck steigt, wenn die Zahlen schlecht sind – streichen wir als Erstes die offenen Gespräche: „Wir haben keine Zeit dafür. Wir müssen liefern.“ Dabei bräuchten wir sie genau dann am meisten.
Vier Dinge, die ich aus meiner Erfahrung empfehlen kann:
Ich bin brutal ehrlich auf die Eingangsfrage: ‚Wie geht es Ihnen?‘ Wer fragt, bekommt eine ehrliche Antwort, auch wenn er/sie es nicht erwartet hat oder wissen wollte. Das lenkt das Gespräch manchmal weg vom ursprünglichen Ziel, bringt aber viele Einsichten und Empathie.
Ich frage in Interviews nicht wie der Wissenschaftler, der ein Insekt unter dem Mikroskop untersucht, sich selbst aber nicht in die Karten blicken lässt.
Ich nutze die Zeit zwischen den Terminen. Ich lasse Dinge mehr auf mich wirken und hetze nicht zum nächsten ‚Nutzen-Maximierungs-Thema‘.
Ich mache Langsamkeit sichtbar. Wenn ein Durchbruch aus einem langen, ziellosen Gespräch entsteht, erzähle ich davon. Damit Kollegen oder Kunden verstehen: Nicht alles Wertvolle passiert in Meetings mit Protokoll.
Wir können Low Pressure Communication nicht planen. Wir können sie nur ermöglichen. Indem wir Raum schaffen.
Man muss nicht immer der Größte, Schnellste, Klügste sein. Oftmals verfangen wir (Männer) uns in diesem infantilen Rollenspiel.