Ab jetzt ist nur noch die digital ausgebildete ’neue Generation‘ gefragt. Stimmt das?

So oder ähnlich hat man jetzt mehrere Posts gelesen. Inklusive der etwas beleidigt klingenden Frage: „Und wer bitte führt die schwierigen Gespräche? Oder hält das Team in wackeligen Situationen zusammen? Wer vermeidet schwerwiegende Fehler bei der Re-Finanzierung, Re-Organisation? Fabrikplanung?“

Was stimmt denn jetzt?

Unsere Interviews, aber auch die Management-Forschung zeigen: Erfahrung allein reicht nicht. Das natürliche Anwachsen von Fachwissen im ‚Learning by doing‘ kommt an seine Grenzen. Die Schweizer Organisationspsychologin Heike Bruch spricht von „Beidhändigkeit“: „Ausschöpfung“ und „Erkundung“.

Bei der „Ausschöpfung“ verlassen sich Führungskräfte auf Erfahrung und bestehendes Wissen. Nehmen Sie eine CFO, die zum x-ten Mal eine Cash-Flow-Abweichung, P&L-Konsolidierung oder Bewegungsbilanz in verschiedenen Industrien rechnet – eingeübte Routine.

In der heutigen Situation müssen Manager Probleme lösen, die vorher nie da waren. Dazu brauchen sie „Erkundung“, so Frau Bruch: neue Lösungen entdecken, etwas ausprobieren.

Wie soll das gehen?

Sie müssen für eine C-Level-Position keinen Harvard-/Data-Science-Werdegang vorlegen. Wir sehen aber in unseren Interviews deutliche Unterschiede:

– Baby-Boomer-CFOs, die einerseits viel Erfahrung mitbringen, aber auch ohne Informatik-Studium die Datenarchitektur ihres Unternehmens kuratieren. Sie haben sich mit den Daten-Teams zusammengesetzt. Nicht als Chef, sondern als Lernender. Mit einem ‚Reverse-Mentor‘. (Das finde ich einen spannenden Begriff.) Zum Beispiel jede Woche einmal, über Monate verteilt. Ihre Erkenntnis: „Die Jungen kennen die Tools. Aber sie wissen nicht, welche Fragen das Business wirklich stellt. Das ist unser Vorteil.“

– In der Kunststoffverarbeitung beeinflussen kleinere Schwankungen bei Material oder Umgebung die Produktqualität. Ein COO, eher mein Alter, initiiert das Projekt: Die KI soll kontinuierlich Prozess- und Qualitätsdaten aus der Fertigung analysieren. Auf dieser Basis passt sie automatisch Maschinenparameter wie Temperatur, Druck oder Geschwindigkeit an Umgebungs- und Materialparameter an. So stabilisiert die KI die Qualität in Echtzeit und reduziert Ausschuss.

– Ein CSO im Bereich MedTech geht vom Gießkannen-Prinzip zu Automated Personalization. Sein Schlüssel? Ein Pilotprojekt. Klein, drei Monate, messbare Ergebnisse. Ergebnis: deutlich höhere Klickrate bei personalisierten Ansprachen von Kunden.

Ja, die Jungen haben vielleicht mehr Energie. Aber Energie ohne Richtung verpufft.

Die Älteren wissen, wann man Gas gibt – und wann man bremst. Sie haben genug Krisen durchgemacht, um zu wissen, welche Kämpfe sich lohnen. Das ist Erfahrung. Aber nur, wenn man sie mit neuen Fähigkeiten kombiniert.

Mein Rat: Suchen Sie sich solche Projekte, sie sollten Teil Ihrer Vita sein, auch vorausschauend für künftige Wechsel. Denken Sie an den/die Reverse-Mentor:in!

Machen Sie genug, um aus dem „Ausschöpfungs-Modus“ in den „Erkundungs-Modus“ zu kommen?

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Melanie Kleemann

Mit dreifacher internationaler Vorstandserfahrung, unter anderem für die IKEA Group, Vorwerk International und die Peek & Cloppenburg Gruppe, blickt Melanie Kleemann auf eine umfassende Karriere entlang der gesamten Value Chain zurück. Ihr Herzstück und ihre Leidenschaft lagen dabei seit jeher in den Bereichen kommerzielles Wachstum sowie (digitale) Transformation.

Ihre internationale Führungskompetenz wurde maßgeblich durch globale Rollen und mehrjährige Auslandsaufenthalte in Schweden und der Schweiz geprägt.

Melanie ist Partner bei TALENTspy und verantwortet die Bereiche Commercial Excellence, Consumer&Retail, Private Equity. Mit feinem Gespür für Markt-Dynamiken und exklusivem Zugang zu Spitzenkräften unterstützt sie Corporate-Entscheider, Private-Equity-Investoren, Gesellschafter und Aufsichtsräte dabei, kritische Schlüsselpositionen diskret, treffsicher und mit nachhaltigem Wertzuwachs zu besetzen.